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    la chica = das Mädchen    

Spanische Tänzerin

von Rainer Maria Rilke

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.

Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.

Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.

Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht -.
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.

Aus: Neue Gedichte (1907)

La Nina de los peines: Pastora Pavon

„Stimme der Schatten, Stimme von Zinn, Stimme von Moos…”

Péinate tú con mis peines,
que mis peines son de azúcar,
quien con mis peines se peina,
hasta los dedos se chupa.

Kämme dich mit meinen Kämmen,
meine Kämme sind aus Zucker gemacht.
Wer sich kämmt mit meinen Kämmen,
leckt sich die Finger danach.

Pura vida


En el Flamenco el cante es el alma,

el toque el esceleto – y el baile es el cuerpo.

Flamenco – ein Geschenk aus der Tiefe des Lebens

von Barbara Müller

eröffentlicht in: SEIN Berlin, 02/2005


Ein Film, den ich vor Jahren sah, erzählte von einem alten Mann aus Andalusien, der seit seiner Jugend mit einer Frau aus dem Schwarzwald verheiratet war. Sie hatte über 30 Jahre bei ihm gelebt und war bei ihm gestorben. Nun reiste er mit ihrer Urne nach Deutschland. Sie hatte in der Dürre des Südens nie aufgehört, den regendurchtränkten Boden und die sattgrüne Farbe des Waldes zu vermissen; Jetzt wollte er sie in eben diesem Boden bestatten. An einem regnerischen Tag versenkte er die Urne nahe ihrem Heimatort in der Erde.
Dann stand er aufrecht, seine Tränen vermischten sich mit dem inzwischen heftigen Regen, und aus ihm brach ein Gesang hervor, in dem sich Schmerz, Liebe, Anklage und Verstehen mischten. Ein Flamenco der Seele, wie ihn schon seine Vorfahren gesungen hatten, um ihre Gefühle auszudrücken, Geschichten zu erzählen und das Leben zu feiern

Flamenco-Poesie ...


Partnergedicht

Flamenca

Schau,
die rote Nelke
an meiner Brust.
Heut tanz ich Flamenco,
lös die verschränkten Hände
von meiner Brust,
lasse mich treiben
von peitschenden Rhythmen,
stampfe mit wirbelnden Füßen
meine Sehnsucht auf glattes Parkett,
dass sie Stimmen des Sängers
dunkel sich färbt
und er singt
von Liebe und Tod,
dass die Saiten der Gitarre
zerspringen
und die Castagnetten
einsetzen
in meinen Tanz.
Ich tanz
meine Liebe,
ich tanz
meine Trauer,
dass die Nelke
nah meinem Herzen verbrennt
in meiner Glut.

(c) Annette Gonserowski

Flamenca

Du nennst dich Flamenca

was mich an Kastagnetten
denken lässt -
an spanische Nächte
und stolze Blicke

doch deine Seele spielt
argentinischen Tango -
wehütig, sehnsüchtig
und geheimnisvoll

ich will tanzen mit dir
mit dir und deinen Gedichten

(c) Gerhard Rombach

Partnergedichte schrieb ich mit dem befreundeten Dichter Gerhard Rombach aus Stockholm
aus dem Netz:

"Es gibt keine schönere Möglichkeit für Frauen, als mit dem Flamenco ihren Stolz, ihre Unabhängigkeit und ihr Selbstbewusstsein öffentlich zu demonstrieren."

Schöner kann man es nicht sagen.
„Flamenco ist der elementare Schrei eines Volkes, versunken in Armut und Unwissen. Für dieses Volk existieren nur die primären Bedürfnisse und instinktiven Gefühle. Ihre Gesänge sind Verzweiflung, Mutlosigkeit, Klage Mißtrauen, Aberglaube, Verfluchung, Magie, eine verwundete Seele, ein dunkles Bekenntnis einer leidenden und ausgelieferten Rasse. Der Gesang ist Selbsttherapie. Er ist Tragödie. Keine Verstellung, kein Theater, den Hörer zu beindrucken.“

RICARDO MOLINA
"Mein Leid, ich sag es singend,

denn singen ist weinen,

Meine Freude, ich sag sie tanzend,

denn tanzen ist lachen."


(Aus einem Flamenco-Lied)
Beim Flamenco wird geschrieen, gesungen, getanzt. Der "raue Gesang" erschreckt den Zuhörer, die Tempi der Gitarre, die Tanzschritte, das Klatschen der Hände wechseln so abrupt wie die Stimmungen. Plötzlich, ohne Ankündigung, kann der Gesang abbrechen, und der Sänger verlässt augenblicklich und grußlos die Bühne. Große, kaum zu zügelnde Emotionen in eine ritualisierte Form bringen, um sie damit beherrschbar und erträglich für den Menschen zu machen, ihn vor Selbstzerstörung zu bewahren - auch das ist ein Teil des Flamenco.

Der Flamenco besitzt unübersehbar die Formen eines Rituals. Der Gesang beginnt häufig wie eine Anrede. Der Sänger legt die Hand auf die Schulter eines Freundes, und während er sein Leid mit kehligen, rauhen Tönen besingt, scheint er dämonisch Kräfte zu beschwören, die von ihm Besitz ergreifen. Schreie und schmerzverzerrte Gesichter zeugen davon. Der Sänger ist besessen, inspiriert. Er ist das Medium, das den Geist in den Kreis holt. Und die auf der Schulter des Freundes erweist sich als notwendige Stütze. Das Ritual bezieht auch alle Anwesenden ein. Die Zuhörer rufen, feuern an, unterstützen, klatschen, sie feiern den, der sein Inneres herauskehrt, bis zum duende dem dämon, dem Moment der Ektase, dem Augenblick der Wahrheit, einer mystischen Vereinigung.
Die feurige junge Leiche

Eine junge Leiche war so temperamentvoll und feurig, dass sie es kaum erwarten konnte, verbrannt zu werden. Noch kurz zuvor tanzte sie einen wilden Flamenco auf dem Deckel ihres Sarges, sodass die Krematoriumsbediensteten alle Mühe hatten, sie auch tatsächlich dem Feuer zu übergeben.
Als es dann vorbei war, konnte sie ihre Asche gar nicht rasch genug in alle Winde zerstreuen, um ihre Reiselust endlich voll ausleben zu können!

„El que sabe leer y escribir no puede cantar flamenco ...
porque pierde el saber pronunciar.“



(Wer lesen und schreiben kann, kann nicht Flamenco singen ...
weil er die Fähigkeit sich auszudrücken verloren hat.)
Flamenco ist die Musik, der Rhythmus Andalusiens, ungezähmte Lebensfreude und herzzerreißende Traurigkeit. Einsamkeit. Die „Soleá“ (von soledad, Einsamkeit) ist die schwermütige aber kraftvolle Mutter des Flamenco. Wer eine Soleá anstimmt, weiß von Schmerz, Verlassensein, Trauer, unerfüllter Liebe, Heimweh und Verzweiflung zu berichten. Oft erzählen die „letras“ (die Liedtexte) Geschichten, die von den schwierigen Lebensbedingungen der spanischen Zigeuner, der „gitanos“ und vom Leben in der Fremde, handeln. Im „cante jondo“ drücken die „cantaores“ (Sänger) den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen oder der fernen Heimat aus, um vielleicht schon im nächsten Augenblick frei zu sein, die geballte Lebenslust in eine Alegría oder Bulería zu legen und ausgelassen zu feiern.

"Mit vier Nägeln aus Silber
nagle ich die Luft deiner Straße fest
damit sie sich ja nicht rührt
wenn du kommst oder gehst".

"Wenn ich einmal sterbe
tu mir einen Gefallen:
mit Zöpfen aus deinem schwarzen Haar
bind mir meine Hände".


In einer Zeit, die sich digital, virtuell und postmodern nennt, die nahezu alles simulieren kann und mit Simulationen ihre einträglichsten Industrien bestreitet, ist der Flamenco das Schwere, Dinosaurierhafte, Absonderliche. Eine Kunst, die fehl am Platz scheint, missverstanden als Folklore oder Abendunterhaltung für Touristen. Wüsste man gar nichts darüber, bevor man zum ersten Mal ein gutes Flamenco-Tablao betritt, könnte einen das Rohe, Schroffe der Darbietung verstören. Irgendwann begreift man, woran es liegt. Es ist eine Kunst ohne Ironie.

Gemessen, mit ernstem Ausdruck, treten Tänzerin, Sänger und Musiker auf die Bühne. Der Beginn ist wie das Sich-herantasten an ein Geheimnis. Im Lauf der Minuten wächst die Intensität der Stimmen, die Gitarre treibt den Sänger an, aus dem rauhen Beginn wird schreiende Klage, Schluchzen, ein Absturz in Trauer und Resignation. Auch das ungeübte Ohr nimmt wahr, welche Verbindungen das Iberische und das Arabische in dieser Kunst eingegangen sind. Die entfesselten Modulationen der Stimme wären im Notensystem gar nicht wiederzugeben, und manche Töne werden so lange gehalten, bis es schmerzt.
Synkopes flamencogedicht

als ich noch auf meinen gitarren spielte
damals
manchmal fasse ich sie noch an
fast
zärtlich hörte ich einem flamenco
gitarristen zu der

bei jedem zweiten lied
eine Tänzerin dabei hatte jedes mal
mit neuem outfit

ein akustischer und
optischer genuss ja fast
ein haptischer

könnte ich doch nur flamenco tanzen
«Wenn ich die alte Stimme meines Blutes höre, die singt und weint in Erinnerung an die vergangenen Jahrhunderte des Grauens, fühle ich Gott, der meine Seele parfümiert, und ich werde Rosen an Stelle von Leid in die Welt säen.»
Liebe und Flamenco:

Wie die Liebe sei, und das «Liebemachen», die Erotik, das wurde meist von Männern beschrieben und besungen… Was aber erlebt die Frau? Ist sie Wasser, Feuer, Erde oder Luft? Wie glüht, fliesst, ruht und atmet sie? Fliegt sie? Stürzt sie in Abgründe? Verbrennt sie? Oder taucht sie auf aus dem Schaume des Ozeans? Wo, wann verebben ihre Wellen? Wartet sie auf ihren Odysseus? Oder frisst sie, wie die Gottesanbeterin, ihren Liebhaber? Öffnet sie gar die Büchse der Pandora? Ist sie Mutter oder Kind, zart oder erdrückend? Lässt sie sich fesseln oder bindet sie?
Ein Carmen-Gedicht von 1986, das den todessüchtigen Tanz verteidigt gegen die allfälligen Gebote der Emanzipation:

Was wollen sie?

Dich über das Wesen der Männer aufklären?

Über Maßnahmen, sich dem Löwenhaupt ihrer Schwänze

zu erwehren? Und den Flamenco?

Sollst du ihn tanzen wie eine Predigt des Verzichts?

Deine Augen, sollen sie Sachlichkeit beschwören?
 
 
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